Home Profile Exhibitions Articles Related Links Contact
Diwan Manna
Galleries: 
 
Articles
 
Diwan Manna - Der Blick des Fotografen
Museums Journal - Berlin
04/16/2001 , By Raffael Dedo Gadebusch-Article in German Language
 
STARTSEITE

MUSEUMSJOURNAL ONLINE

HEFTINHALT I/2009

ARCHIV

BESTELLEN

ÜBER UNS



Diwan Manna, Aus der Serie Alienation, 1980

Information:



Diwan Manna - Der Blick des Fotografen

Neuerwerbungen im Museum für Indische Kunst
Seit seiner Wiedereröffnung im Oktober 2000 hat das Museum für Indische Kunst neue Akzente gesetzt im Hinblick auf sein Konzept als Museum außereuropäischer Kunst im 21. Jahrhundert. Vor allem die bisher eher stiefmütterlich behandelte zeitgenössische Kunst des indo-asiatischen Kulturraumes wird nun bewusst gefördert. Besondere Beachtung soll hier die junge zeitgenössische Kunst Süd- und Südostasiens finden.
Ein längerfristig angelegtes Projekt, das der Annäherung an die indische Moderne und die neuesten Tendenzen der zeitgenössischen indischen Kunst dient, findet in enger kuratorischer Zusammenarbeit mit dem Hamburger Bahnhof statt und wird vom Berliner Senat im Rahmen der alle zwei Jahre stattfindenden Asien-Pazifik-Wochen unterstützt. Neben den traditionellen Gattungen – Malerei und Skulptur – soll der Blickwinkel auf andere Ausdrucksformen der Bildenden Kunst erweitert werden. Einen Schwerpunkt bildet hierbei die Fotografie, die nun auch in Indien einen wichtigeren Stellenwert bekommt, wenngleich sie noch nicht jene musealen Weihen erhalten hat, wie dies in Europa seit dem letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts der Fall ist.
Indische Fotografen setzen sich zunehmend künstlerisch mit ihrer Gesellschaft auseinander. Dies geschieht im Spannungsfeld zwischen den immer noch stark verwurzelten Traditionen indischer Kultur und der auch in Indien immer sichtbarer werdenden Globalisierung.
Zur neuen Generation jener vielversprechenden Foto-Künstler gehört der 1958 geborene, in Chandigarh lebende Fotograf Diwan Manna, dem das Museum für Indische Kunst im Jahr 2000 eine Sonderausstellung gewidmet hat. Sowohl die Sujets betreffend als auch hinsichtlich der von ihm eingesetzten Techniken erweist sich Diwan Manna als überaus vielseitig und experimentierfreudig. Drei Themen durchziehen die Arbeiten des Künstlers wie ein roter Faden: Entfremdung, Gewalt und die Auseinandersetzung mit Tod und Wiedergeburt.
Das Museum für Indische Kunst hat Werke aus allen drei Bilder-Zyklen angekauft. Die kleinformatigen, schwarz-weißen Arbeiten der Serie »Alienation« von 1980 greifen das universale Thema der Entfremdung auf. Mannas Einsatz konventioneller Technik täuscht auf den ersten Blick darüber hinweg, dass es sich bei den dargestellten Situationen um Inszenierungen handelt, was eine bewusste Abwendung des Künstlers von der großen Tradition der sozialkritischen Fotografie darstellt. Das Foto selbst wird »umrahmt« und schließlich noch einmal fotografiert. Diese zweifache Entfernung von der traditionellen Auffassung von Fotografie als »finestra aperta« zur Wirklichkeit ist charakteristisch für die meisten Arbeiten Mannas. Ein moralischer Zeigefinger ist niemals erkennbar. Im Gegenteil, durch Mannas Kompositionen entsteht ein eher nachdenkliches, lakonisches Bild der gesellschaftlichen Realität, das die asiatische Sichtweise des Fotografen verrät. Die Schönheit einiger der fotografischen Gemälde verleiht dem Titel »Alienation« zudem etwas zutiefst Doppelbödiges. Ist es die Entfremdung des Menschen durch eine scheinbar völlig sinnlose Arbeit, wie die jenes kleinen Jungen, der sein Leben als »clerk« auf und mit einer Bank fristet, immer präsent, zum »da sein« verurteilt, oder jener Männer, die in einem Raum ohne Tageslicht in unerträglicher Hitze indische Süßigkeiten herstellen? Oder ist hier vielleicht eine ganz andere Entfremdung gemeint, die eher im Zusammenhang steht mit dem Gedanken der Verfremdung des Dargestellten durch den Künstler mit Hilfe der inszenierten Fotografie?
Manna stellt durch seine Inszenierungen die Authentizität des Dargestellten nicht nur in Frage, er spielt mit ihr und macht eine andere Realitätsebene sichtbar. Und entsteht nicht Entfremdung auch oder gerade durch das scheinbar Authentische einer realistischen Fotografie? Die Bilder vom Golfkrieg oder die des einstürzenden World Trade Centers hatten für den nicht beteiligten Betrachter etwas geradezu bedrückend Virtuelles.
Mannas nur auf den ersten Blick sozialkritische fotografische Arbeiten sind durchdrungen von einem starken Gefühl für Schönheit und Würde, die den vordergründigen Aspekt der Entfremdung durch das persönliche Schicksal einer nur im westlichen Verständnis entwürdigenden Arbeit ganz und gar in den Hintergrund treten lässt. Ein kompositorisches Meisterwerk ist die 1987 entstandene Arbeit »Dhaba«, die an die Serie »Alienation« anknüpft. Sie zeigt eine Männergruppe, die in ihrer Arbeit innehält, um für den Betrachter zu posieren. Doch nichts ist Pose in diesen Gestalten. Das Bild ist komponiert und dennoch ganz und gar natürlich – so scheint es uns zumindest. Dies vermag nur der Blick des großen Fotografen, der die Geduld hat, jenen »Augenblick abzuwarten«, manchmal Stunden, manchmal Tage, wie es einmal der Fotograf Herbert List formulierte. Was die Natürlichkeit im Ausdruck betrifft, unterscheidet sich Manna grundlegend von Yousuf Karsh und anderen wichtigen Fotografen, die dem kompositorischen Aspekt in der Fotografie große Bedeutung beigemessen haben. Die Komposition der Figuren zueinander und der Umgang mit Licht stehen besonders bei dieser Arbeit in der Tradition der Malerei, und zwar der des 17. Jahrhunderts, und spielen auf Werke Caravaggios an. Hier zeigt Manna seine intensive Auseinandersetzung mit der europäischen Malerei; seine »Handschrift« und sein Blick sind jedoch indisch.
Auch die Bilder der Serie »Shores of the Unknown« sind inszeniert, hier jedoch ganz offenkundig. Diese Arbeiten sind ebenfalls nur im Kontext des Zyklus zu verstehen. Manna schafft nur selten Einzelwerke. Der konzeptuelle Charakter seiner Serien wird durch seine deutliche Neigung zum Figurativen nicht abgeschwächt. Abstraktion entsteht bei ihm durch Verfremdung. Hierbei bietet das Medium der Fotografie unendliche Möglichkeiten, die dem Maler kaum zur Verfügung stehen. In anderen Serien setzt der Künstler sehr intensiv das Mittel der Malerei und der Übermalung ein. Jedoch ist der letzte Schritt des Entstehungsprozesses immer das »Shooting«. Manna erliegt der Faszination von Manipulation und Reproduzierbarkeit des Mediums und bleibt deshalb der zweidimensionalen Oberfläche treu, wenngleich von seinen Arbeiten durch den Effekt der Überlagerung zuweilen eine dreidimensionale Wirkung ausgeht. Dies gilt vor allem für die expressiven, farbigen Arbeiten mit dem Titel »Waking the Death«, die eine Fortsetzung der Serie »Shores of the Unknown« darstellen. Die Zeichenhaftigkeit dieses Werk-Zyklus kommt jedoch stärker in den monochromen, weniger technisch verfremdeten Arbeiten zum Ausdruck. Die unter den durchscheinenden Tüchern erkennbaren weißhäutigen Frauenkörper wirken im Kontrast zu den rohen Holzplanken irritierend transparent und fragil. Manna bringt das im hinduistischen Kontext immer aktuelle Thema von Tod und Wiedergeburt in seinen bereits 1996 entstandenen Arbeiten auch mit den sehr aktuellen Themen von Virtualität und Reproduzierbarkeit des menschlichen Körpers in Zusammenhang. Parallelen zwischen seinen Werken und den aktuellen Arbeiten der jungen Schweizer Fotografin Katrin Freisager drängen sich auf. Freisagers weißhäutige schwebende Wesen aus der Serie »To Be Like You«, die im Rahmen der Ausstellung »Zeitgenössische Fotokunst aus der Schweiz« noch bis zum Jahresende in Deutschland zu sehen sind, machen deutlich, wie unsere globalisierte Welt ein universales Bewusstsein von Zeichenhaftigkeit fördert, welches in den Werken indischer Künstler ebenso zum Ausdruck kommt wie in jenen junger europäischer Zeitgenossen.

Raffael Dedo Gadebusch

Der Autor ist stellvertretender Direktor des Museums für Indische Kunst.
<< Archivseite



 

 

         
         
| Profile | Exhibitions | Articles | Related Links | Contact | Terms |